Ausgependelt

Gestört und belästigt werden, Wohlgefallen erzeugen, Ruhe finden, sich verbunden fühlen, gemein sein, sich ärgern, Versöhnlichkeit spüren, verlockt werden, sich abhanden kommen, Wut empfinden, primitives Verhalten erdulden, triumphieren, prickelndes Vergnügen ausmalen. Eine Pendlerfahrt kann zur Fahrt durch Emotionen werden.

Die Geschichten in meinem neuen Buch Ausgependelt. Unterwegs im Hin und Her erzählen von Gefühlen und Gedanken, von Beobachtungen und Begegnungen beim Pendeln, von Momenten der Stille und Erholung.

Wenn wir uns begegneten, dann immer auf der Strecke zwischen Olten und Liestal, und immer war es dann Abend. Auch heute stieg sie in Olten zu. Wie jedes Mal nickten wir uns zur Begrüssung zu. Gesprochen hatten wir noch nie miteinander. Nur wenn sie in der Nähe sass und beim Aussteigen an mir vorbei musste, sagte sie zum Abschied:
– Adieu, schönen Abend!
Das hatte etwas Beruhigendes. Es garantierte das Normale. Im richtigen Zug, im richtigen Wagen, zur richtigen Zeit.

Diesmal kam sie aus Platzgründen in mein Abteil, das sich in Olten geleert hatte, und setzte sich neben mich ans Fenster, so nah, wie noch nie. Ich befürchtete ein Gespräch, das jetzt seinen Anfang nehmen würde und dann jedes Mal fortgesetzt werden müsste, weil wir uns ja von da an kannten.

Mir gegenüber nahm eine weitere Frau Platz. Auch sie fuhr immer von Olten nach Liestal.

–  Schon dunkel um diese Zeit, sagte die Neue zu uns.

Der vierte Sitz im Abteil blieb leer. Wir drei Frauen waren etwa gleich alt, kamen von irgendeiner Arbeit und fuhren in ein Zuhause zurück. Keine redete. Ich döste, und die beiden anderen blätterten in der Gratiszeitung.

Draussen war es dunkel, und im Licht des Zugwagens fuhren wir still durch den Abend der nächsten Station zu.

In Liestal stiegen beide aus, und ich blieb allein bis Basel.

(Titel ‚Erholung‚, 2019, S. 24)