Brunnentanz

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BeaudeBâle: “Der Ritter”

 

 

La Neuveville

Die Turmuhr „dans cette petite ville au bord du lac“ ist eine besondere: Sie schlägt die vollen Stunden immer zweimal. Dazwischen liegt eine kurze Pause.

Zeitlosigkeit.

Zeit für die Geschichte von Marie-Ange.

Marie-Ange

Frühlingswärme liegt zwischen den farbigen Häuserreihen in La Neuveville, diesem mittelalterlichen Städtchen am Bielersee. Das Bistrot hat zum ersten Mal in dieser Saison Tische ins Freie unter die blauen Sonnenschirmen gestellt.

Mein Name ist Marie-Ange. Ich bin Eine von hier, eine Frau vom See. Diese gehen selten von hier weg und wenn, dann nicht für lange. So wie ich. Nur einen Winter habe ich in Basel verbracht. Doch kommt es mir viel länger vor, dass ich nicht mehr an meinem Ritterbrunnen gewesen bin.

Ich gelange vom See her durch das untere Stadttor ins Städtchen. Bei der Place de la Liberté muss ich natürlich an Freiheit denken.

Freiheit, geht es mir durch den Kopf, darum bin ich von hier weggegangen. Und darum kehre ich heute wieder an den Ort zurück, wo ich zu Hause bin.

In Gedanken versunken folge ich dem offen in einem schmalen Kanal durch die Rue du Marché fliessenden Bächlein und gelange zum oberen Brunnen, wo mein Ritter das nördliche Tor bewacht. Er dreht mir den Rücken zu und kann mich nicht kommen sehen.

Der Ritter

Ob er es vermisst hat, dass ich einen ganzen Winter lang nicht bei ihm war? Wie wird er reagieren? Was, wenn er einfach weiter über mich hinweg zum Tor hinaus starrt?

Er wird sich nichts draus machen! Er ist andere Zeitbegriffe gewöhnt. Ein Winter? Nichts im Vergleich zur Existenz eines Brunnenritters.

Fontaine du Banneret, La Neuveville

Ich gehe um den Brunnen herum, bis wir uns von vorne sehen können.

– Bonjour!, rufe ich zum Ritter hinauf und winke.

Keine Reaktion. Keine Antwort.

Da endlich höre ich seine Stimme.

Ah, Marie-Ange! Welch schöne Überraschung!

Der Ritter blitzt in der Sonne, aus Freude, scheint mir.

– Dass du leibhaftig vor mir stehst und dich nicht auf dem Brunnen befindest, ist etwas ganz Neues. Hätte ich doch im November nur besser aufgepasst, dann hätte ich diesen Pierre Grise von Weitem erkannt und dich warnen können. Dann wärest du mir nicht einen ganzen Winter lang abhanden gekommen.

– Das hätte dir auch nichts genützt!, spotte ich. Du hättest nichts dagegen machen können. Schon gar nicht deinen Platz verlassen – so wie ich!

Ich betrachte das Gesicht am Brunnen, dem das Leben fehlt, während mein eigenes sich warm anfühlt und meine Haare im Wind flattern. Ich freue mich, dass meine Form noch immer da ist und wirkt, als sei keine Zeit vergangen. Ich könnte jederzeit wieder in sie zurückschlüpfen.

Am Brunnen habe ich nur meine Form zurückgelassen.

– Marie-Ange, seufzt der Ritter. Ich wäre dir nicht gefolgt, selbst wenn ich es hätte tun können und  du mir dein Geheimnis verraten hättest, wie du diesen Brunnen verlassen konntest. Es war deine Entscheidung.

Mein Platz ist hier, meint er mit Bestimmtheit, das Herumziehen auf der Suche nach Abenteuern liegt mir nicht. Dass ich aber so lange nicht mehr mit dir reden konnte, ist mir schwer gefallen. Mir wurde langweilig, keine Geschichten mehr erzählen zu können und ich habe deine Stimme im Rauschen des Wassers vermisst.

– Ich habe dich und deine Geschichten auch vermisst!

Mit Geschichtenerzählen hat der Ritter mir oft die Zeit vertrieben. Er kennt all die besonderen Leute der Gegend, auch die aus früheren Jahrhunderten.

Am liebsten redeten wir miteinander über Liebe und Freiheit. Dann erwähnte er immer wieder diesen Rousseau, der 1765 sechs Wochen lang drüben auf der Ile de Saint-Pierre gewesen sei und die glücklichste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Das habe er von ihm persönlich vernommen, betonte der Ritter mit Stolz.

Auch über das Glück habe dieser Rousseau nachgedacht, während er als promeneur solitaire auf der Petersinsel unterwegs gewesen sei:

Besteht das Glück aus kurzen, aussergewöhnlichen Momenten des Taumels und der Leidenschaft?

Oder ist es ein einziger, fortwährender Zustand , dem eben seine Dauerhaftigkeit die höchste Seligkeit verleiht?

(nach Jean-Jacques Rousseau, Träumereien eines einsamen Spaziergängers, fünfter Spaziergang)

Pierre-Grise

Auch von Pierre Grise hatte der Ritter mir erzählt, lange bevor er tatsächlich hier am Brunnen auftauchte. Dieser komme mit seiner Musik von den Jurahügeln herab, um den Frauen am See den Kopf zu verdrehen.

– Pierre Grise ist Einer, der die Sehnsucht weckt, sich vom Lauf des Wassers mittragen zu lassen!, warnte mich der Ritter.

– Wegen ihm hast du deinen Platz bei mir auf dem Brunnen verlassen. Ein umherziehender Musikant, der offensichtlich auf die Frauen vom See unwiderstehlich wirkt. Ja nicht einmal dich, eine Brunnenfigur, konnte er in Ruhe lassen. Das nimmt mich schon wunder, was dich daran fasziniert. Worum geht es dir wirklich in deiner Geschichte mit ihm?

– Um Freiheit und Liebe natürlich.

– Schöne Worte!, meint der Ritter. Das lässt sich einfach so daher sagen.Wann wirst du mir endlich Genaueres von dir und diesem Pierre Grise berichten?

Da gebe ich nach und fange an zu erzählen.

Mehr dazu in der Erzählung BRUNNENTANZ von Marlise Mueller
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Klappentext

Marie-Ange kann die Eigenart der Turmuhr, die die vollen Stunden zweimal schlägt, nutzen und ihren Platz auf dem Brunnen verlassen. Sie folgt Pierre-Grise, einem Musikanten nach Basel, kehrt jedoch wieder in ihr Städtchen am Bielersee und zum Ritter auf dem Brunnen zurück, der ihr ein Freund und Gesprächspartner ist. Ihm erzählt sie von ihren Reisen in die Stadt und berichtet ihm von Basler Brunnen und von ihren Begegnungen mit Pierre Grise.

Am Ritterbrunnen treffen sich auch Mathilde, die Floristin, und Nelly, die Coiffeuse. Jede dieser Frauen vom See geht auf ihre Weise mit Ungebundenheit und Notwendigkeiten, mit dem Verwurzeltsein in der Liebe und der Lust nach Bewegung und Veränderung um.

Frei nach Jean-Jacques Rousseau:

Bedeutet Freiheit: Alles tun zu können, wozu man Lust hat?
Oder: Nichts tun zu müssen, wozu man keine Lust hat?

Besteht das Glück aus kurzen, einzigartigen Momenten?
Oder ist es die Beständigkeit, die wirkliches Glück ausmacht?

 

Lac de Bienne et l’ île de Saint-Pierre