Ausschweifen und einkaufen

Freitag, 10.30 Uhr. An diesem Tag hatte ich bereits mit zwei Menschen ein paar Worte gewechselt. Sonst redete ich bis zum Mittag, und manchmal auch länger, nur mit einem, meinem Mann.

Vorhin jedoch hatte ich vor der Haustür auch mit meinem Nachbarn geredet, übers Langlaufen im Jura und wie ideal die Verhältnisse eben noch gewesen seien. Ja, ich und mein Mann seien in den Freibergen gewesen.

Seit dem Lockdown waren ich und mein Mann immer zusammen. Ich wollte mir ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen. Das war schon vorher der Fall gewesen, dass wir, wenn wir zu Hause waren, häufig zusammen waren. Doch seit dem Lockdown war dies wichtiger geworden und seither waren wir öfter auch draussen zusammen unterwegs, wenn wir ausnahmsweise einmal hinausgingen.

Wir waren das Langlaufen nicht gewohnt und bewegten uns langsam durch die verschneiten Tannen und im offenen Gelände, kamen trotzdem ins Schwitzen, ins Fluchen und zwischendurch sogar ins Gleiten und Jauchzen.

Im Auto unterwegs zum Einkaufszentrum dachte ich, wie gut die Bewegung getan hatte und wie lustig er ausgesehen hatte mit seiner Mütze, die ihm hochgerutscht war, wie ungerührt ich blieb, wenn er über sich selbst schimpfte, weil er mit seinen Handschuhen nicht in die Stockschleifen kam, wie gut er in seinen schmalen Langlaufleggins ausgesehen hatte und wie schnell und bequem doch alles erreichbar war, selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln, auf die ich zum Glück in dieser Zeit nicht angewiesen war, sodass ich Begegnungen mit fremden Menschen unterwegs vermeiden konnte.

Auch das war anders gewesen: Wenn ich fremden Menschen begegnete, lächelten wir uns ohne Maske mit halboffenen Lippen und kräftigem Atem unbeschwert zu, die Loipen verliefen in der richtigen Distanz, die Zeit unserer Begegnungen war kurz. Jedes Mal wurde ich gegrüsst. Bonjour, Madame! Das hatte ich bestimmt zehn Mal gehört bis zum Mittag.

Heute jedoch war das natürlich nicht so.

Doch weiter als bis zur Feststellung, dass ich mich als Madame anders, ja verführerischer gefühlt hatte, liess ich meine Gedanken nicht ausschweifen. Dafür war die Fahrt ins Einkaufszentrum zu kurz, und ob ich mich als Madame fühlte oder nicht, war da belanglos.

Es lag kein Schnee mehr wie noch vor ein paar Tagen, als es in der Region Basel so viel geschneit hatte wie seit 12 Jahren nicht mehr. Ein stürmischer Westwind hatte inzwischen Temperaturen von über 10 Grad gebracht.

Als ich im Supermarkt aus der Tiefgarage kam und in Richtung der Kolonne mit den Einkaufswagen ging, fuhr ein Windstoss in meine Haare, meine Nasenflügel blähten sich und unwillkürlich atmete ich tief ein. Eine seltsame Unruhe erfüllte mich, die mit Erschrecken und Frohlocken zu tun hatte.

Ich beruhigte mich wieder, als ich die Maske umgebunden und die Hände desinfiziert hatte, meinen Einkaufswagen durch die vollen Regale schob und ihn mit frischem Gemüse und Früchten und allem Möglichen füllte. Ausser Haushaltsmaschinen und Büchern, die mit rotweissen Plastikbändern abgesperrt waren, war alles zu haben so wie immer.

Doch hätte ich sowieso keine neue Küchenmaschine gebraucht und meine Bücher kaufte ich noch immer nicht im Supermarkt und dass es Alltagstage und Ausflugstage gab, war normal und alles eine Frage der Zeit und der Abfolge und dass man sich an Vorsichtsregeln hielt.

Als ich vor dem Regal mit den Leuchten und Batterien stand, das nicht auch abgesperrt war wie ich befürchtet hatte, und längere Zeit suchen musste, welches Modell wohl bei uns passte, hörte ich, wie eine ältere Frau von einem Bekannten erzählte, der am Virus gestorben sei. Sie sagte es zu einem älteren Mann, der auch ein Bekannter sein musste, mit Einkaufswagen und mit Maske auch er, er trug sogar hellblaue Gummihandschuhe. Und eine andere Bekannte, sagte die Frau zu ihm, habe zwar überlebt, hänge aber immer noch an Sauerstoffschläuchen.

Hoffen wir das Beste!, sagte der Mann nach einem Schweigen, und die Frau antwortete, es sei schön gewesen, ihn wieder einmal zu sehen.

Was für ein Glück, dachte ich bei mir, dass ich nachher gleich nach Hause zu meinem Mann fahren konnte und wir, wenn wir wollten, zusammen wegfahren und weglaufen konnten an die frische Luft.

Heute jedoch ging es nicht weiter weg, mehr geschah an diesem Tag nicht.

Ausser dass mein Mann mich an der Haustür erwartete, ohne Maske natürlich, so wie auch ich keine mehr trug, seit ich im Auto sass.
Bonjour, begrüsste er mich zum Spass, normalerweise redeten wir nicht französisch miteinander. Da bist du ja wieder.

Er gab mir einen leichten Kuss auf den Mund und nahm mir die schwere Einkaufstasche ab und ich fühlte mich sogleich wie eine vom Glück begünstigte Madame.

Nicht unberechtigt, wie ich fand.